BRYTER: Der No-Code-Pionier aus Deutschland
Als Luther Rechtsanwaltsgesellschaft, Deutschlands fünftgrößte Kanzlei, im Mai 2025 ankündigte, BEAMON AI firmenweit auszurollen, war das eine bemerkenswerte Nachricht. Nicht weil eine große Kanzlei KI einführt – das tun mittlerweile viele. Sondern weil Luther die BRYTER-Plattform bereits seit fünf Jahren nutzt. Was sich ändert: BEAMON wendet sich direkt an Anwälte, nicht an „Legal Engineers“.
Darin liegt eine der spannendsten Entwicklungen bei BRYTER. Das Frankfurter Unternehmen mit Büros in London und New York hatte sich zunächst als No-Code-Plattform für technisch versierte Juristen positioniert. Legal Engineers sollten Workflows bauen, ohne programmieren zu müssen. Die Realität zeigte: Selbst diese Zielgruppe tat sich schwer. Felix Vemmer, der 2020 an einer Legal-Tech-Challenge teilnahm, beobachtete, dass erfolgreiche BRYTER-Projekte meist von jungen Referendaren oder Werkstudenten umgesetzt wurden – nicht von erfahrenen Partnern. „Die eigentliche Herausforderung lag darin, komplexe juristische Prozesse in logische Entscheidungsbäume zu übersetzen“, schreibt Vemmer. „Das lernt man nicht im Jurastudium.“
BRYTER reagierte mit BEAMON AI, einer Produktivitätssuite für Anwälte ohne technische Vorkenntnisse. Research, Entwurf, Vertragsanalyse – direkt nutzbar. Der Deutsche Anwaltverein schloss im Juni 2025 eine Partnerschaft: 60.000 deutsche Anwälte erhalten vergünstigten Zugang. Dr. Sylvia Ruge, Geschäftsführerin des DAV: „Wir freuen uns, unseren Mitgliedern Zugang zu Technologie zu geben, die echte Arbeitsentlastung im Alltag bietet.“
Die Kundenliste liest sich eindrucksvoll: Rakuten, McDonald’s, Ashurst, DLA Piper, Deloitte, PwC, KPMG. Telefónica nutzt BRYTER, um wiederkehrende Anfragen zu automatisieren. ING Deutschland beschleunigt damit interne Services. Bertelsmann ermöglicht Mitarbeitenden Self-Service-Zugang zu arbeitsrechtlichen Informationen.
Der Unterschied zu Wettbewerbern: BRYTER kombiniert regelbasierte Workflows mit KI. Während andere entweder auf Automatisierung oder auf generative KI setzen, verzahnt BRYTER beides. Ein Beispiel: KI analysiert einen Vertrag, identifiziert Risiken. Der regelbasierte Workflow triggert dann automatisch einen Genehmigungsprozess, der auf BRYTER-Templates basiert.
Juro: Die effiziente Herausforderin
Richard Mabey saß als M&A-Anwalt in Meetings und sah zu, wie kluge Menschen Stunden damit verbrachten, Word-Dokumente hin- und herzuschicken. Die Ineffizienz wurde zur Mission. Heute ist Juro eines der am schnellsten wachsenden Tech-Unternehmen Großbritanniens – Sunday Times Top 100.
Die beeindruckendste Zahl: 600 Prozent Umsatzwachstum seit 2021, ohne Headcount zu erhöhen. Juro beschäftigt 90 Mitarbeiter, davon die Hälfte in Produkt, Design und Engineering. Die meisten Konkurrenten haben 500 Mitarbeitende. „Disziplin ist wichtig“, sagt Mabey im Interview mit BDO. „Genauso wie geringe Management-Overhead, wenige mittlere Manager, hohe Talentdichte und hands-on Leadership.“
Was Juro unterscheidet, zeigt sich in einer Entscheidung vom Oktober 2025. Als erste Legal-Tech-Plattform integrierte Juro ChatGPT direkt via Model Context Protocol. Statt eine eigene Chat-Oberfläche zu bauen, schickt Juro Nutzer zu ChatGPT – und gibt ihnen dort Zugriff auf ihren Juro-Workspace.
„Wir gehen einen anderen Weg“, erklärt Mabey. „Wir nutzen ChatGPTs Interface statt unser eigenes zu bauen. Das erlaubt es, von Juro zu profitieren, ohne zu einem anderen Tool zu wechseln. Und es bedeutet, dass man alle Entwicklungen von ChatGPT bekommt – von denen wir glauben, dass sie sich schneller entwickeln werden als jede Legal-Tech-Lösung.“
Eine radikale Entscheidung. Die meisten SaaS-Anbieter wollen Nutzer in ihrer eigenen Plattform halten. Juro setzt darauf, dort zu sein, wo Nutzer bereits arbeiten. 90 Prozent der Inhouse-Juristen nutzen laut Juros State of In-house Report 2025 bereits ChatGPT, Gemini oder Claude. Warum sie zwingen, ein weiteres Tool zu lernen?
Die Kunden bestätigen den Ansatz. Linus Hagman, Head of Legal bei Kognity: „Juros ChatGPT-Integration ist ein echter Gamechanger. Mit Juro via MCP zugänglich, können ich und andere Business-Stakeholder sofort auf verlässliche Vertragseinblicke zugreifen – durch einen simplen Prompt.“
Juro positioniert sich als „Intelligent Contracting“ statt als traditionelles Contract Lifecycle Management. Der Unterschied: Agentic AI. Nicht nur Unterstützung, sondern autonome Workflows. Ein Beispiel: Lade eine NDA in Slack hoch. Juros Agent reviewed und redlined sie autonom, basierend auf einem Anwalts-Playbook. Anwälte bleiben in Kontrolle – sie setzen die Guardrails. KI macht Vorschläge. Menschen genehmigen.
Henchman: Der stille Exit
Die Geschichte von Henchman ist kürzer – aber nicht weniger aufschlussreich. Gegründet 2020 in Belgien von Jorn Vanysacker, Gilles Mattelin und Wouter Van Respaille, während der COVID-Pandemie. Die Idee: Anwälte schreiben selten von Grund auf neu. Sie recyceln Klauseln aus alten Verträgen. Warum das nicht automatisieren?
Henchman indexiert Vertragsklauseln auf Clause-Level direkt aus dem Document Management System einer Kanzlei oder Rechtsabteilung. Die Software arbeitet in Microsoft Word und Outlook – keine separate Plattform. Sprachagnostisch. Sicherheits- und Konflikt-Settings spiegeln die Dokumentberechtigungen im DMS.
Der Clou: Deployment in Tagen, nicht Monaten. Innerhalb kurzer Zeit können Kanzleien ihre gesamte Präzedenz-Datenbank durchsuchbar machen.
Im März 2023 schloss Henchman eine Series-A-Runde über 6,5 Millionen Euro, angeführt von Adjacent VC und Acton Capital. 750 Prozent Umsatzwachstum. Über 100 Kunden in 15 Ländern. Business Angels wie die Showpad- und Collibra-Gründer stiegen ein.
Fünfzehn Monate später, im Juni 2024, kam die Übernahme. LexisNexis kaufte Henchman. Kaufpreis: nicht öffentlich. Ein erfolgreicher Exit für ein vierjähriges Startup.
Mike Walsh, CEO bei LexisNexis Legal & Professional: „Wir können nun eine der Top-Anfragen unserer Kunden adressieren – durchsuchbare interne Firmendaten, kombiniert mit unseren Drafting- und KI-Angeboten.“
Henchmans Technologie wird in LexisNexis‘ RAG 2.0-Plattform integriert. Die 170 Kunden weltweit – darunter Top-Kanzleien in USA und Europa – behalten Zugang zur Technologie, nun unter LexisNexis-Dach.
Co-Founder Mattelin: „Wir sehen diese Verbindung mit LexisNexis als Erweiterung unserer Drafting-Vision – proaktiv wertvolle und strategische Einblicke für Kunden zu liefern.“
Drei Plattformen, drei Ansätze. BRYTER demokratisiert Automatisierung für deutsche Juristen. Juro maximiert Effizienz mit minimaler Teamgröße. Henchman wurde zur Technologie, die ein Marktführer kaufen musste. Gemeinsam zeigen sie: Der europäische Legal-Tech-Markt ist längst erwachsen geworden.
